Austellungen
Die nächste Ausstellungseröfnung im Institut für Geisterforschung
ist am 17.6.2026 um 19 Uhr
I swear, there were flowers here
great artists doing okay (Lena Skrabs & Paloma Sanchez)
Eine sehr kleine Wahrheit und eine Reihe unzuverlässiger Hinweise. In einem ehemaligen Blumenladen angesiedelt, beginnt »I swear, there were flowers here« miteiner einfachen Behauptung: Hier waren Blumen. Von dort aus driftet die Geschichte. Die Ausstellung entfaltet sich irgendwo zwischen Beweis und Gerücht — als Spekulation, Fragment von Evidenz und gescheiterter Erklärungsversuch.
Lena Skrabs und Paloma Sanchez arbeiten seit 2016 als Künstlerinnenduo »great artists doing okay (g.a.d.o.)« zusammen. Ihre Arbeit verbindet Storytelling, Design, Installationen, Feierlichkeiten und oft auch eine gewisse Form von Enttäuschung. Dabei entstehen eher Erfahrungen als Objekte. Sie untersuchen das feierliche Potenzial des Alltäglichen sowie das Spannungsfeld zwischen Arbeit, Spiel und Erholung. Seit dreieinhalb Jahren sind sie Teil des Residenzprogramms »Das fliegende Künstler*innenzimmer« im ländlichen Hessen, wo sie auf einem Schulhof wohnen und mit Lehrenden und Schüler*innen zusammenarbeiten.
Tina Kohlmann – Mystic Muscles
Die künstlerische Praxis Tina Kohlmanns speist sich aus experimentellen und forschungsorientierten Kontexten. In ihrem Œuvre beschäftigt sich die Künstlerin mit Grenzwissenschaften, Mythologie, Anthropologie und Ritualästhetik. Kohlmann interessiert sich insbesondere für Phänomene des Übergangs: für Zustände zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, Rationalität und Spekulation sowie für Praktiken, in denen Körper und Material als Vermittler zwischen unterschiedlichen Wirklichkeitsebenen fungieren.
In ihren Arbeiten greift sie auf vielfältige organische und künstliche Materialien wie Edelsteine, Mineralien, Pflanzen, Kunsthaar, Harz und Plastik zurück. Ihre Skulpturen wirken zugleich wie ethnologische Objekte einer exotischen Kultur, wie Proben aus einem Labor, als auch wie die fiktiven Artefakte einer erdachten Parallelwelt. Die bewusste Kombination gegensätzlicher Materialien – Naturstein trifft auf synthetische Stoffe, Mineral auf industriell Gefertigtes – erzeugt dabei Spannungen, die etablierte wissenschaftliche Ordnungssysteme unterlaufen.
Edelsteine nehmen in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle ein: Sie tragen teilweise eine Schutzfunktion und sind in den Skulpturen versteckt eingelassen. Wie kleine, verborgene Schaltstellen wirken sie beinahe wie der Knopf zu einem anderen Portal, als könnten sie einen Übergang in eine weitere Wirklichkeitsebene aktivieren.
Kohlmanns experimenteller Ansatz im Umgang mit den verschiedenen Materialien und ihr großes Interesse an Spiritualität, Folklore und Ethnologie sind zusätzlich geprägt durch zahlreiche Reisen und Aufenthalte im Ausland im Rahmen von Stipendien und Artist Residencies. Besonders die Mythologien nordeuropäischer Länder wie Norwegen, Island und Finnland prägen ihre Skulpturen.
Viele der ausgestellten Masken und Figuren tragen Namen, die auf Medien, historische Persönlichkeiten oder fiktive Gestalten verweisen. Sie fungieren als Projektionsflächen für Erzählungen zwischen Dokumentation und Imagination, zwischen spiritueller Beschwörung und popkultureller Referenz.
In dieser Verschränkung von Archaischem, Ethnologischem und Sci-Fi entwirft Kohlmann eine eigene Mythologie – ein poetisches Archiv möglicher Vergangenheiten und spekulativer Zukünfte. In der Skulptur Xenoglossy wird anhand der Zunge die angebliche Fähigkeit beschrieben, eine fremde Sprache sprechen zu können, ohne sie gelernt zu haben. Im religiösen und esoterischen Kontext wird über dieses Phänomen berichtet; es wird auch behauptet, dass Xenoglossie unter Hypnose auftreten kann.
Häufig oszillieren diese Figuren zwischen Schutz- und Wächtergestalten, Ahnenbildern oder spiritistischen Medien und verweisen auf den menschlichen Wunsch nach Orientierung in unsicheren Zeiten. Insbesondere Symbole und Figuren aus der Mythologie, wie etwa die Schlange als ambivalentes Wesen, lassen sich in ihren Skulpturen ausmachen. In der Arbeit Glycon windet sich eine Schlange durch einen Totenschädel. Die sog. Glykon-Schlange ist ein Fabeltier der griechischen Mythologie und wurde zum Kultobjekt des Asklepios-Kultes im antiken Süd- und Südosteuropa.
Gleichzeitig brechen einige der Skulpturen bewusst mit der Geschlossenheit archaischer Figuren. Sie besitzen Öffnungen, wirken wie Gefäße und sind mit Pflanzen ausgestattet. In dieser Durchlässigkeit und Lebendigkeit formulieren sie einen Gegenentwurf zur monumentalen, statischen Skulpturentradition: Sie sind nicht nur Bildträger, sondern potenzielle Lebensräume, die sich verändern, wachsen und transformieren können.
Der Ausstellungsraum wird so zu einem transformativen Übergangsraum zwischen Gegenwart, Vergangenheit, Realität und Fiktion. Licht, Spiegelungen und Oberflächen spielen dabei eine zentrale Rolle: Sie binden den Körper der Besucher*innen aktiv ein und lassen Raum und Werk fortwährend ineinander übergehen.
Für den ehemaligen Blumen Corso, der zugleich als Festivalzentrum des Projekts fungiert, entwickelt Kohlmann eine ortsspezifische Installation aus Masken, Figuren und Artefakten, die auf die Geschichte des denkmalgeschützten Gebäudes Bezug nimmt. Als öffentlicher Ort wird der Raum dabei nicht nur wegen seiner gläsernen materiellen Beschaffenheit bewusst durchlässig gedacht – als Schnittstelle zwischen Innen und Außen, Kunst und Stadtraum, individueller Wahrnehmung und kollektiver Erinnerung. Mystic Muscles versteht sich als Allegorie jener unsichtbaren Kräfte, die künstlerische Ideen in sinnlich erfahrbare Formen überführen, und verweist zugleich auf die von Kohlmann geschaffenen mythologisch anmutenden Wesen – sogenannte Non-Humans. Auch diese stehen für die Geister, für das Nicht-Greifbare und das Verborgene: für Energien, Geschichten, Erinnerungen und Zustände, die sich rationaler Erklärung entziehen und dennoch wirksam bleiben.

